Arbeiter? Beteiligung? Aber Herr Bundespräsident!
„Diejenigen, die hart arbeiten und sich an die Regeln halten, verdienen Respekt.“ sagt der Bundespräsident[1]. Markige Worte! Dann: „Die Menschen in der Mitte der Gesellschaft erbringen den Löwenanteil dessen, was verteilt wird.“ Achso. Jaja. Hmm. Wen meint der damit? Wahrscheinlich die ca. 40 Millionen Erwerbstätigen.
Also diese Hälfte der Deutschen verteilt etwas. Ich nehme an, an die andere Hälfte. Mehr oder weniger. Also die, die nicht erwerben.? Nun gut. Damit das weiter so bleibt und sich den ändernden Verhältnissen anpassen kann, hält der Bundespräsident „es für strategisch wichtig, den Arbeitnehmern systematisch eine zweite Einkommensquelle zu erschließen, durch Ertrags- und Kapitalbeteiligung.“
Hört, hört! Wie stellt der sich das vor? Leute kauft wieder Aktien! Investiert Eure Mäuse! Mir fällt dazu folgendes ein:
Eine beliebige Firma, zum Beispiel Porsche. Im Vorstand sitzen sechs Leute. Die sollen in diesem Jahr zusammen etwa 110 Millionen Euro bekommen haben. (Nur aus Porsche?). Die Aktien gehören zu drei Vierteln sieben Personen. Im letzten Jahr wurden an Aktionäre ca. 150 Millionen Euro ausgeschüttet. Da kommen etwa 220 Millionen (abgerundet) auf dreizehn Leute! Ich weiß, das tragen die nicht in bar nach Hause. Und das wurde sicher auch nicht nur von in Deutschland gezählten Erbwerbstätigen erwirtschaftet. Aber hey! das ist ‘ne Zahl mit acht Nullen. (na gut sieben). Haben diese 13 so schwer gearbeitet? Meine Fresse!
Klar, es geht nicht immer nur ums Umverteilen. Er sagt dazu: „Der demokratische, freiheitliche Staat will aber mehr: Die Menschen sollen sich entfalten können.“ Das ist gut, vielen Dank. Und dann weiter: „Glück lässt sich nicht als Sozialleistung organisieren.“ Da hat er wohl recht. Aber es läßt sich Unglück über schleche Sozialleistung organisieren. Es geht eben nicht nur ums Umverteilen, sondern ums Umdenken.
- Interview mit Bundespräsident Horst Köhler, Handelsblatt, 28. November 2007
(18.12.2007: siehe auch den Kommentar)
In dem Artikel scheint es mir vorrangig um die sogenannte Managerschelte oder Managergehälter zu gehen, um die derzeit viel geredet wird. Doch es geht viel tiefer. Auch geht es nicht um Vorstände oder Aktienhalter im konkreten. Mein Rechenbeispiel mit Porsche hat sicher große Lücken.
Der Bundespräsident regte Beteiligung der Arbeitnehmer an Ertrag und Kapital an. Da gibts Assoziationen zu einem anderen Modell. Da hat der Arbeitnehmer die „Produktionsmittel“ aber komplett in seiner Hand. Diese Art von Beteiligung ist sicher nicht in Köhlerschem Sinne und wird von vielen auch als antiquiert empfunden.
Aber wie will er die Arbeitnehmer dann beteiligen? Wenn einer drei Jobs hat, statt nur zwei, um vielleicht ein Kind zu ernähren, dann kann er es sich schwer vorstellen, daß ein Anderer Millionen scheffelt, weil er Hab und Gut in Firmen anlegt. Firmen, deren Werden und Vergehen, neben dem Kapitaleinsatz, von Vielen abhängen, die außer ihrer Arbeitskraft nichts zum Investieren haben. Und die paar Leute, die die Geschicke des Betriebes leiten, werden dabei fürstlich entlohnt, bei Versagen oft gründlich abgefunden. Und wenn die Firma irgendwann pleite geht, sind die Investoren und Manager durch ihre Gewinne und andere Sicherheiten in der Regel wesentlich unabhängiger als all die, die bei einer kleinen Umstrukturierung entlassen werden und dann wohl möglich auch noch ihr bißchen Erspartes „schlecht angelegt“ haben.
Es scheint aber im System zu stecken: Strebe nach Größerem!, Arbeite hart!, Konsumiere!, Kauf Dir was von Wert!, Investiere und auch Du kannst an Entlassungen gewinnen! Da beißt sich die Katze in den Schwanz.